SWR2 AULA - Manuskriptdienst
(Abschrift eines „frei“ gehaltenen Vortrags)
Erst fernsehen, dann schießen?
Medienverwahrlosung in Deutschland
Autor: Prof. Christian Pfeiffer *
Redaktion: Ralf Caspary
Sendung: Sonntag, 30. Januar 2005, 8.30 Uhr, SWR 2
___________________________________________________________________
Die PISA-Studie ist zur Zeit in aller Munde. Besonders deutlich wird herausgestellt, dass in Deutschland der Leistungsabstand von denen, die der sozialen Ober- oder Mittelschicht angehören, und denen, die im unteren Drittel der Gesellschaft angesiedelt sind, besonders groß ist. Viel zu wenig wird aus meiner Sicht darüber diskutiert, dass wir wachsende Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen haben. Das verdient Aufmerksamkeit.
Wir haben uns das mal systematisch angesehen und haben festgestellt, dass, egal was wir betrachten: die Aufsteiger oder Absteiger im Schulsystem, die Noten, die Sitzenbleiber, überall die Unterschiede noch nie so groß waren wie in den letzten beiden Jahren. Beispiel: Ende der 80er waren von 100 Aufsteigern, die von der Hauptschule in die Realschule wechselten oder von der Realschule ins Gymnasium, 50 Jungen und 50 Mädchen. Und heute sind wir bei etwa 62 Mädchen und 38 Jungen.
Fast genau dieselben Prozentunterschiede zeigen sich, wenn man fragt, wer macht eigentlich Abitur, wer ist Richtung Abitur unterwegs? Das war früher Fifty-Fifty und heute 62 Mädchen und 38 Jungen, die die Sekundarstufe II besuchen, also auf irgendeine Weise, sei es Gesamtschule, Fachoberschule oder eben das Gymnasium, das Abitur ansteuern.
Wenn wir aber die Abbrecher nehmen, die ohne irgendein Zeugnis die Schule verlassen, dann hatten wir früher auch ein bisschen mehr Jungen (52 zu 48), aber heute ist das Verhältnis etwa 63 zu 37. Woher kommt das, warum werden die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen Jahr für Jahr größer?
Wenn man nun überlegt, was kann es denn sein, was hat in den letzten 10, 15 Jahren sich im Leben von Jungen einseitig sich verändert, was für die Mädchen nicht gilt? Wir wissen, die Kinderarmut hat zugenommen. Aber das betrifft ja beide gleich. Oder innerfamiliäre Gewalt, da sind Jungen und Mädchen gleichermaßen betroffen. Vor allem hat es nicht zugenommen. Da haben wir den erfreulichen Gegentrend, seit sich immer mehr herumgesprochen hat, wie negativ sich das auf das Leben von Kindern auswirkt, wenn sie geschlagen werden, immer mehr Eltern begreifen, dass man das besser sein lässt und gewaltfrei erzieht.
Also es gibt viele unterschiedliche Faktoren. Ich will das am Beispiel von Hauptschülern deutlich machen. Wir haben in Hessen in dem Städtchen Korbach eine erste Startforschung anhand einer Testbefragung durchgeführt. Die Stadt Korbach hatte freundlicherweise arrangiert, dass alle Schüler von uns erfasst werden konnten. Da zeigte sich erstens am Ende der Grundschule das vertraute Bild: Von 100 Schülern und Schülerinnen, die eine Gymnasium-Empfehlung bekommen hatten, war eine große Mehrheit Mädchen. Oder anders ausgedrückt: Von den Mädchen bekam fast jede zweite die Empfehlung Richtung Gymnasium von Seiten der Schule, von den Jungen nur 35 Prozent. Dann haben wir die Kinderzimmer betrachtet, d. h. wir haben eine Befragung durchgeführt, womit denn die Kinderzimmer so ausgestattet sind. Es zeigte sich, dass von den Mädchen nur 14 Prozent eine Playstation hatte, also eine Spielkonsole im Zimmer. Von den Jungen jeder zweite. Fernseher: Jungen 52 Prozent, Mädchen 30 Prozent; Computer: auch 50 zu 32 Prozent. Auf den ersten Blick scheint es so, dass wir die Erklärung gefunden haben: die Jungen sind sehr viel schlechter in der Schule und haben viel mehr Geräte im Zimmer.
Vorsicht! haben wir gesagt. Da kann man sich ja auch täuschen. Erinnern wir uns, zwischen 1965 und 1975 hat die Zahl der Babys in Deutschland von 1 Million auf 500.000 abgenommen, und die Zahl der Störche ist ebenfalls in der Zeit auf die Hälfte zurückgegangen. Aber keiner behauptet, jetzt ist es bewiesen, dass die Störche die Babys bringen. Die schlichte Parallele von zwei Entwicklungen ist noch nicht Ursache und Wirkung.
Wir müssen genauer prüfen, ob da ein Zusammenhang besteht. Freilich schon nach einigen wenigen weiteren Forschungsschritten mussten wir den Eindruck gewinnen, da könnte etwas dran sein. Denn eines stellten wir – unabhängig ob Mädchen oder Junge – sofort fest: Je mehr Geräte im Zimmer drin stehen, umso weniger wird gelesen. Wer zum Fernsehen oder zum Computerspielen ins Wohnzimmer gehen muss und in seinem Zimmer gar kein derartiges Gerät hat, der kommt noch auf pro Woche 4 Stunden „lustvolles Kürlesen“, so nennen wir das, also: Harry Potter oder Bravo, was immer heute in ist. Wer aber alle 5 Geräte hat und die Hälfte der Jungen hat das, der kommt nur noch auf ein bisschen mehr als 1,4 Stunden pro Woche dazu, dass er sich hinsetzt und genüsslich irgendetwas liest.
Wir haben das dann wieder nach Mädchen und Jungen unterschieden und dann zeigt sich etwas sehr Spannendes: Wenn ein Mädchen im Alter von 10 Jahren einen Fernseher oder einen Computer in das Zimmer bekommt, erhöht es den eigenen Gebrauch nur um 5 Minuten im Durchschnitt pro Tag. Bei Jungen dagegen bedeutet der Computer im Zimmer, 40 Minuten mehr wird gespielt. Also es wird schon klar, die Jungen sind stärker animiert, diese Geräte zu nutzen. Sie bedrängen offenbar ihre Großeltern und Eltern auch vielmehr, dass sie das zu Weihnachten, zum Geburtstag oder zu Ostern geschenkt bekommen wollen. Die Mädchen scheinen daran weniger Interesse zu haben, sind viel stärker an Kommunikation interessiert, „quasseln“ mehr, wollen mehr spielen und sind vielleicht auch stärker motiviert, was für die Schule zu tun.
Wenn wir dann noch auf die älteren Schüler schauen, - wir haben ja nicht nur die Grundschüler in Hessen erforscht, sondern haben darüber hinaus auch noch etwa 2.600 ältere Schüler in der Altersgruppe der 12- bis 15-Jährigen befragt - , dann zeigt sich: Fernseher, Computer, Spielkonsole im Zimmer haben, bedeutet für diese Altersgruppe, dass sie pro Tag zwei Stunden mehr mit ihren Geräten verbringen, als wenn sie sie nicht im Zimmer hätten, sondern im Wohnzimmer. Also Eltern, die ihren Sprösslingen alle diese Geräte gönnen, klauen ihnen pro Tag 2 Stunden, sogar ein bisschen mehr.
Das ist Punkt 1. Und Punkt 2: Wer solche Geräte im Zimmer hat, schaut viel häufiger verbotene Sachen, spielt viel häufiger Computerspiele, die auf dem Index stehen und völlig verboten oder zumindest erst ab 18 freigegeben sind. Die Unterschiede sind krass. Wir haben Jungen und Mädchen gleichermaßen gefragt, was sie denn zur Zeit spielen. Da kommt erstens wieder der große Geschlechtsunterschied raus. Zwei Drittel der 12- bis 15-jährigen Jungen spielten am Tag der Befragung ein Spiel, das entweder zumindest für ihr Alter oder sogar komplett verboten ist, von den Mädchen nur 14 Prozent. Die Jungen schauten pro Monat im Durchschnitt, wenn sie über einen eigenen Fernseher und Videorekorder im Zimmer verfügen, sechs verbotene Filme, die Mädchen etwa zwei. Die Jungen weisen insgesamt pro Tag zwei Stunden mehr Medienkonsum auf als Mädchen, primär weil sie mehr Zeit mit dem Computerspielen verbringen, die außerdem ganz andere Inhalte haben.
In welcher Weise hat das Bedeutung für ihre Schulleistung? Na ja, es liegt auf der Hand, wenn die Jungen pro Tag zwei Stunden mehr an diesen „Kisten“ verbringen, dann wird’s knapp mit dem Lernen und dem Schularbeiten machen. Das geht zu Lasten dieser sinnvollen und notwendigen Beschäftigung. Das ist ein Aspekt, der jedem einleuchten wird. Freilich gibt es auch Begabte, die mit kurzer Lernzeit immer noch gute Ergebnisse erzielen, aber die entsprechend begabten Mädchen scheinen trotz der Lernfähigkeit diese doch stärker für die Schule einzusetzen. Die Leistungsunterschiede sind auch bei den Gymnasiasten deutlich ausgeprägt. Das dokumentiert sich beispielsweise darin, dass wir heute in einem Hörsaal für Erstsemester im Fach Medizin - anders als vor 15 Jahren - eine Mehrheit von 70 Prozent Mädchen gegen 30 Prozent junge Männer haben. Den Numerus Clausus, also diese bestimmte Notenqualität, die man vorweisen muss, damit man sofort Medizin studieren kann nach dem Abitur, scheinen die Mädchen viel häufiger zu erreichen als die Jungen.
Zurück zu den Erklärungen: Es ist offenbar nicht nur der Zeitfaktor. Die Neurobiologen, mit den wir in Partnerschaft forschen, erzählen uns, es kann noch ein weiterer Aspekt eine ganz zentrale Rolle spielen. Gedächtnis reagiert auf Emotionen. Man hat das auch getestet. Man hat Menschen eingeladen, sich einen bestimmten Film anzuschauen und hat ihnen nicht vorher gesagt, worauf es ankommt, sondern nur gesagt, am Ende gibt es noch einen Test. Eine Gruppe hat sich einen brutalen Gewaltfilm angeschaut, horrormäßig aufgebauscht und mit grauenhaften, tief schockierenden Bildszenen. Die andere Gruppe schaute sich einen familientauglichen Unterhaltungsfilm an. Das besondere war, dass alle 10 Minuten diese Filme unterbrochen wurden durch Werbeeinblendungen, wie es beim Privatfernsehen ja auch üblich ist. Am Ende wollte man von den Menschen wissen, ob sie noch die Produkte in Erinnerung haben, die in den Werbepausen präsentiert wurden. Ergebnis: Die Gruppe, die den Gewaltfilm gesehen hatte, konnte sich an wesentlich weniger Produkte erinnern als die Gruppe, die den Familienfilm gesehen hatte. Man müsste mal fragen, ob die Industrie, die während dieser Schrottfilme, die ab 18 Jahren freigegeben sind und eine Gewaltszene an die andere reihen, ihre Produkte bewirbt, weiß, dass ihr Geld dort zum Fenster rausgeworfen wird. Denn die Erinnerung der Zuschauer an die Werbung ist relativ schlecht. Aber das nur am Rande.
Zentral für uns Wissenschaftler ist eine These, die ich am folgenden Beispiel erläutere: Ein Junge macht erst mal nachmittags – wie sich das gehört - seine Hausaufgaben, lernt Vokabeln, bereitet Geschichte vor, weil am nächsten Tag eine Prüfung kommt – und dann kommt der Höhepunkt des Tages: Er hat nämlich seinem Bruder heimlich einen brutalen Gewaltfilm entwendet (den gibt er ihm wieder zurück, der merkt das gar nicht) und hat seinen Kumpel nachmittags, wenn niemand stört, eingeladen zu kommen; und zusammen schauen sie sich diesen Horrorfilm an.
Das nachmittags Gelernte befindet sich zunächst im Kurzzeitgedächtnis. Was im Kurzzeitgedächtnis ist, kann auch wieder verdrängt werden, wenn emotional hoch besetzte Bilder kommen, die eine solche Wucht entfalten, dass das Gehirn sich im Rahmen seiner Erinnerungsleistung primär auf das emotional „Hochbesetzte“ stürzt. Und dann vergisst man das Gelernte schneller wieder. Es landet nicht „auf der Festplatte“ unseres Kopfes, es wurde verdrängt durch Inhalte, die mehr Power aufwiesen.
So wird es diesem Jungen gehen, sein Fleiß beim Lernen wird also nicht belohnt werden, weil er das Gelernte nicht langfristig speichern kann.
Als mir das von den Wissenschaftlern erzählt wurde, mit denen wir zusammenarbeiten, habe ich lachend gesagt „Na, das ist mir schon immer klar. Als kleiner Junge begeisterte ich mich ungeheuer für 1860 München und für alles, was im Fußball geschah – eine Viertel Stunde Sportseite gelesen und alles war im Kopf und für den Rest des Tages und der Woche sicher gespeichert, weil es mich fasziniert hat. Dieselbe Zeit aber auf Schulaufgaben verwendet, auf Vokabeln lernen, da behielt ich wenig im Kopf. Da musste ich viel mehr Mühe verwenden, um das zu lernen, weil die Emotionen nicht sehr beteiligt waren. Bis sich eines Tages die Dinge dramatisch änderten, weil ich eine Englisch-Lehrerin bekam, die mich geradezu begeisterte. Sie war mein erster großer Schwarm und auf einmal war Englisch hoch besetzt. Ich war voll dabei, was sie im Unterricht erklärte und ich wurde in Englisch deutlich besser aufgrund der Emotionen, die plötzlich mit dem Englischen einher gingen“. Also mir war klar, dass die Wissenschaftler Recht haben; als Beweis konnte ich auch noch erzählen, dass Brunnenmeier der Mittelstürmer war und Radenkovic das Tor sauber gehalten hat, Kohlars die tollen Flanken gab und Freddie Heiß von rechts immer kam. Es war also schnell belegt, dass Emotionen Gedächtnis erzeugen und dass von daher die Jungen, die sich ständig dieser emotionalen Welt der Powerbilder des Schreckens aussetzen, möglicherweise auch ihre Schulinformationen gefährden, die nur flüchtig im Kopf gespeichert sind.
Und dann kommt noch eins hinzu: Die Neurobiologen erzählen uns, besonders gefährlich ist es, wenn man abends, kurz vor dem Einschlafen solche Filme schaut. Denn der Übergang vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis erfolgt buchstäblich im Schlaf, wenn wir nämlich einen gesunden Tiefschlaf haben. Wenn wir uns aber kurz vor dem Einschlafen noch einmal hellwach machen, weil wir sagen, na ja gut, bis zur ersten Werbung gucke ich schnell noch diesen verbotenen Film, von dem ich in der Zeitung gelesen habe, der ist erst ab 18 freigegeben, ich bin zwar erst 14, aber 10 Minuten will ich schon sehen, was da das Verbotene ist. Und dann ist es eben so, wie wir es alle kennen, genau vor der Werbung ist es richtig spannend und man will noch nach der Werbung noch ein bisschen was sehen, man ist vom Film fasziniert; um 1 Uhr ist er zu Ende, man ist todmüde und gleichzeitig hellwach, weil man so hochgeputscht ist durch diese Bilder, die man gesehen hat. Und dann stellt sich der Tiefschlaf nicht so richtig ein. Am nächsten Tag hat man weniger im Kopf als man eigentlich haben müsste, wenn man den Lernaufwand berücksichtigt, den man getrieben hat, und man ist zusätzlich unkonzentriert und müde im Unterricht. Also auch das scheint die jungen Menschen zu belasten, denn wenn wir nachfragen: „Kommt es gelegentlich vor, dass Du, obwohl am nächsten Tag Schule ist, verbotenerweise nachts irgendeinen Film guckst?“, bejahen das dann doch etwa 11 bis 15 Prozent der Jungen, und zwar in der Hauptschule wesentlich mehr als im Gymnasium. Sie schaden sich ganz massiv, was ihre Schulleistungen angeht. Das sind die Erkenntnisse, die wir bisher haben, und wir können sie indirekt auch schon bestätigen, weil sich eines deutlich zeigt: Diejenigen, die Vielseher sind (also 3 bis 4 Stunden pro Tag) und dann auch noch obendrein am Computer spielen, die haben deutlich schlechtere Noten in der Schule als diejenigen, die Wenigseher sind.
Na, so überraschend ist das nicht nach all dem, was ich schon gesagt habe. Von daher waren wir in einer guten Position, als wir in den Schulen erläutern wollten, wie sich Dinge auswirken. Denn wir konnten zeigen, die Deutschnoten der Schülerinnen und Schüler, die Wenigseher sind, lagen im Schnitt bei 2,5; Vielseher: 3,3. Geschichtsnoten wiesen auch einen entsprechenden Unterschied auf. Selbst in Mathematik, wo es gar nicht so sehr aufs Lernen ankommt, sicher auch, aber auch auf das Verstehen, hatten wir 0,6 Unterschied; und bei Sport ebenfalls deutliche bessere Noten bei den Wenigsehern. Wenn ich das mit Schülerinnen und Schülern diskutiere – ich mache das regelmäßig mit Fünft- und Sechstklässlern, also 11- und 12-Jährigen, dann haben sie alle die Antwort. „Ist doch klar“, sagen sie, „die Vielseher sind doch weniger fit, weil sie soviel Zeit passiv verbringen“. Und damit haben sie Recht. Wir haben schon die Hypothese, dass das „Vielsehen“ auch zum Körpergewicht beiträgt. Und die Kinder wissen dann auch immer, woran das zweitens liegt, dass man ja beim Fernsehen auch noch die Werbung für das sieht, was man so nebenbei essen soll, also Kartoffelchips, Schokolade usw. Also die Kinder selber ahnen schon, dass da was dran sein wird und wir mit unseren Warnungen möglicherweise Recht haben. Die Jungen sind vielleicht deswegen in der Schule schlechter und geraten immer mehr ins Leistungstief, weil sie ihr eigenes Schulwissen gefährden durch zuviel Computerspiele mit Inhalten, die problematisch sind für die langfristige Speicherung des Gelernten.
Freilich, ich gebe zu, diese Forschungsergebnisse sind noch kein klarer Beweis, weil wir bisher nur parallele Entwicklungen untersuchen, aber Ursache und Wirkung noch nicht klar benennen können. Die Krönung der Wissenschaft wäre hier, was wir jetzt auch tun werden: Kinder begleiten.
Zum Glück hat uns die Volkswagenstiftung gerade für diesen großen Forschungsbereich 700.000 EURO bewilligt. Wir sind dadurch in der Lage, jetzt gründlicher zu analysieren. Wir werden beispielsweise mit 500 Kindern, wahrscheinlich in Berlin, folgendes Experiment machen: Wir erfassen sie erstmals im Alter von 8 Jahren und bei der Gelegenheit registrieren wir, ob sie körperlich fit sind, wir registrieren ihr Körpergewicht, fragen nach ihren Schulnoten und untersuchen ihren allgemeinen psychischen Zustand. Wir erfassen auch ihr „Lebensglück“, so gut das eben in einer Befragung möglich ist, wir erfassen natürlich alle weiteren Rahmenbedingungen, wie es zuhause zugeht, ob die Eltern geschieden sind oder nicht, ob sie freundlich behandelt werden und ein gutes Zuhause haben oder ein kriselndes mit allen möglichen Problemen. Und dann beobachten wir diese Kindern mindestens vier Jahre lang. Jedes Jahr registrieren wir diese Dinge und natürlich immer den Medienkonsum und was für Geräte sie in ihrem Zimmer haben. Wir beeinflussen gar nichts. Wir bekommen nur diese Informationen. Und dann wollen wir sehen, ob es zutrifft – vereinfacht gesprochen: Zuviel Fernsehen und Computerspielen macht dick, dumm und traurig.
Das ist wohlgemerkt noch eine Behauptung und noch nicht bewiesen. Aber manches spricht für diese Behauptung. Vor allem wollen wir auch herausfinden, wer ist es denn genau, wer ins Abseits gerät. Manche Kinder verkraften das vielleicht, manche schlecht. Und wie sieht es mit den Jungen und Mädchen aus? Das war ja der Ausgangspunkt unserer Untersuchungen, ob es denn tatsächlich zutrifft, dass dieser übergroße Konsum von Computerspielen und Fernsehen die Jungen ins schulische Abseits gebracht hat, und vielleicht ja nicht nur ins schulische. Allensbach hat vor einiger Zeit schon einmal geprüft, wie es denn um die psychische Gesamtbefindlichkeit von Kindern steht im Verhältnis zum Fernsehkonsum und dabei kam sehr krass heraus: Von denen, die Vielseher sind, beschreiben sich nur 33 Prozent als Kinder, denen es richtig gut geht und die meistens fröhlich sind. Über 60 Prozent beschreiben sich als auch gelegentlich, manche auch als häufig traurig. Die Gegengruppe, also die Wenigseher: 61 Prozent, denen es richtig gut geht, die fröhlich sind, und nur um die 30 Prozent, die sagen, dass sie oft auch traurig seien.
Natürlich ist das Fernsehen nicht die Hauptursache, da gibt es andere Faktoren. Kinder die sich abgeschoben fühlen von Eltern, die im Stress sind und im Wohnzimmer niemanden haben wollen, weil sie über Scheidung reden o. ä., und dann kaufen sie ihren Kindern alle Geräte, damit sie sie abschieben können. Das merken Kinder und das macht sie traurig, weil es in der Familie so schlecht zugeht. Sie flüchten vor das Fernsehgerät oder die Computerspiele, um abgelenkt zu werden. Da kommen Dinge zusammen, die sich gegenseitig negativ ergänzen, aber am Ende bleibt es eben, dass die Schulleistungen davon massiv beeinträchtigt werden.
Eine andere Untersuchung, die wir jetzt durchführen werden, bringt uns auch einen Schritt weiter, so hoffen wir. Wir werden 400 Menschen nehmen, die alle am Computer zunächst etwas lernen. Alle lernen dasselbe. Der eine gut, der andere schlechter. Dann teilen wir sie in gleiche Gruppen zu je 100 Personen auf. Die erste Gruppe betrachtet einen brutalen Gewaltfilm. Die zweite Gruppe spielt verbotene Computerspiele. Die dritte Gruppe guckt sich einen netten harmlosen Unterhaltungsfilm an. Und die vierte Gruppe macht, was sie will, es muss nur etwas Körperliches in frischer Luft sein, Jogging, Tanzen oder Schwimmen usw. Zwei Stunden später kommen alle zurück und wir testen, was sie noch behalten haben von dem Gelernten. Das wiederum setzen wir in Beziehung zu dem, was sie im Leben geprägt hat. Vielleicht sind ja die massiv geprügelten Kinder später Menschen, die auf Bilder der Gewalt schockartig reagieren und von daher erhöht in Gefahr sind, dass sie Dinge vergessen. Wir werden sehen, was wir herausfinden, wer also besonders negativ durch Gewaltfilme oder –spiele betroffen wird und wer trotz solcher emotionalen Einflussfaktoren sein gelerntes Wissen noch relativ gut im Kopf behalten kann.
Schon jetzt haben wir aber Anlass, die Öffentlichkeit zu fragen, ob nicht die alarmierenden Befunde, die wir heute bereits wissen, Grund sind zu überlegen, wie wir denn weg kommen von dem, was wir Medienverwahrlosung nennen müssen, wovon viele Kinder erfasst sind.
Eine Schlussfolgerung liegt auf der Hand, auch wenn wir die PISA-Ergebnisse bewerten: Aus meiner Sicht wäre eine Lösung, dass wir flächendeckend für alle Kinder Ganztagsschulen einführen. Als Prinzip der Ganztagsschulen könnte gelten: Am Vormittag guter Unterricht, nachmittags Lust auf Leben wecken in allen nur denkbaren Formen, also Sport intensiv anbieten, Theater, Musik, Kultur, aber auch Kochen lernen oder Handwerken, was immer die Kinder wollen. Also nachmittags Interessengruppen, vormittags Klassen, so dass Schule am Nachmittag richtig Spaß macht.
Wie kriegen wir das hin? Indem wir auch Ehrenamtliche mit einbauen, z. B. einen großen Star des Theaters, der im Alter Zeit hat und sagt, ich mache doch gerne ein Mal im Jahr ein Theaterstück mit Schulkindern. „Rhythm is it“ heißt ein traumhaft schöner Film, der in Berlin von den Philharmonikern gemacht wurde, wo Kinder, auch Unterschicht-Kinder herangeführt werden an Bewegung, Sport, an Lust auf Leben. Das, denke ich, muss Aufgabe von Schulen werden. Und dazu müssen wir die Schulen stärken, sie in die Lage versetzen, dass sie diese Aufgaben übernehmen können. Aber wir müssen auch die Eltern aufklären und ihnen bewusst machen, dass sie wirklich ein Risiko eingehen, wenn sie ihren Kindern sehr frühzeitig all diese Geräte ins Zimmer stellen. Sie klauen ihnen Lebenszeit, sie bringen sie in Gefahr.
Manche, so haben wir festgestellt, sind schon so wunderbar mit dem Leben verankert, Mädchen, die reiten, Jungs, die im Tennis, im Fußball, in irgendetwas aktiv verwurzelt sind, dass ihnen auch die Geräte nichts anhaben können. Nein, für sie ist der Computer eine Bereicherung, wo sie wunderbar im Internet surfen, ihn als Schreibmaschine nutzen und gelegentlich auch mal spielen, aber es wird nicht eine Sucht.
Aber für die anderen gilt das, was die Forscher uns sagen, dass sie den schnell getakteten Erfolgserlebnissen des Computerspielens zum Opfer fallen. Dopamin-Schauer nennen das die Wissenschaftler. Dopamin ist der Glücksbote im Gehirn, der sich bei Erfolgen einstellt. Und wenn es schnell getaktet kommt - Level 5, Level 6, Level 7 geschafft und der Beste darin -, dann ist das so verführerisch, so faszinierend gerade für die Jungen, dass es Ersatzbefriedigung wird für den mühevollen Weg, den man in der Schule nicht mehr so ganz schafft.
Das alles muss man wirklich aufklärerisch an die Menschen herantragen. Wir stellen uns vor, dass jedes Schulkind im Rahmen des Unterrichts konfrontiert werden sollte mit diesen Informationen, mit diesen Erkenntnissen, die wir in der Forschung erarbeiten. Dafür wollen wir für jede Altersgruppe entsprechende Unterrichtsmaterialien erarbeiten, PowerPoint-Präsentationen, die auch Film- und Theaterszenen beinhalten, um den Schülern die Informationen spielerisch zu vermitteln. Das müsste auch noch an die Eltern herangetragen werden, z. B. an Elternabenden, das könnte einen Wandel bringen. Die Amerikaner haben das nachgewiesen. Die Stanford University hat ein tolles Experiment durchgeführt, mit dem sie aufzeigen konnten: Informationen, an Eltern und Kinder im Alter von 9 Jahren herangetragen, verändert den Medienkonsum drastisch und führt zu zufriedeneren Klassen mit weniger Aggressionsbereitschaft.
Also es gibt eigentlich schon Mut machende Ergebnisse. Wir werden jetzt 3 Jahre lang, gestützt auf die Gelder der Volkswagen-Stiftung, neue Befunde für den deutschen Medienmarkt in den Kinderzimmern erarbeiten und wir hoffen, dass wir danach einen Beitrag leisten können, dass die Medienverwahrlosung weniger wird und dass wir die Lust auf Leben wecken.
*****
* Zum Autor:
Professor Christian Pfeiffer, geboren 1944, studierte Rechtswissenschaften und Sozialpsychologie in München und London. Er war nach dem Studium kurze Zeit als Rechtsreferendar an einem OLG und gleichzeitig ehrenamtlich als Bewährungshelfer tätig. 1984 Promotion, 1985 Berufung auf eine C-3 Professur und gleichzeitig Berufung zum stellvertretenden Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen; seit 1988 alleiniger Direktor. 2002 – 2003 war Pfeiffer Justizminister des Landes Niedersachsen. Er zählt zu den engagiertesten Kriminologen Deutschlands.
Forschungsschwerpunkte:
Einfluss von Medienkonsum auf Kinder
Jugendkriminalität
Gewalt in Familien
Umgang der Medien mit Gewaltverbrechen
zurück zur homepage