Gymnasium – quo vadis?
In der Dezember-gbw-Ausgabe veröffentlichten wir Teil
1 des Aufsatzes von Josef Zellner mit dem Titel „Die Selbstzerstörung des
Gymnasiums“. Zellner ist Lehrbeauftragter für Französisch an der Universität
München und hat in 3/2002 der Zeitschrift „Gegenwartskunde“ den Zustand des
Gymnasiums im „Brennpunkt“ beschrieben. Während der Verfasser im ersten Teil
seines Aufsatzes im Wesentlichen institutionell-organisatorische
Mängel darstellt, an denen das Gymnasium krankt, befasst sich der 2. Teil mit
der „Entintellektualisierung“ und der „Selbstbanalisierung“ des Gymnasiums. Im
Zentrum der Betrachtung Zellners stehen nun die inhaltlichen Mängel, an denen das Gymnasium leidet.
Die Selbstzerstörung des Gymnasiums Teil 2
Das Gymnasium leidet unter
inhaltlichen Mängeln
Von Josef Zellner
Vielerorts
lässt sich eine gravierende Entintellektualisierung
des Gymnasiums beobachten. Didaktik ersetzt den Gedanken, Medieneinsatz die
geistige Anstrengung der Schülerinnen und Schüler, der analytische Gestus macht
im Schutzraum Schule zu oft gefühliger Authentizität Platz, die in der Regel
über inhaltliche Richtigkeit geht. An die Stelle analytischer Tiefenschärfe und
definitorischer Strenge treten das unhinterfragbare und per se jeder Kritik enthobene „Ich finde es aber irgendwie
unheimlich schlecht, dass...“ oder – vorzugsweise – auf Englisch: „I think
that...“.
Merke: Jede
substanzarme Banalität wird also dadurch, dass der Schüler X oder die Schülerin
Y als eine von sich selbst überzeugte gleichermaßen reife wie
jugendlich-innovative Persönlichkeit diese formuliert, quasi automatisch ihrer
Banalität enthoben. Dabei wäre es doch beispielsweise eine der genuinen
Aufgaben des Gymnasiums, angesichts endloser vorgestanzter Formeln in Politik
und Medien ernsthaft zur Sprachkritik zu erziehen. Ganz Deutschland pflegte
über Altkanzler Kohls genuschelte Platitüden zu lächeln. Umso verwunderlicher,
dass die mit staatsmännischer Verve vorgetragenen, oft genug ausschließlich auf
klangliche Effekte setzenden Tautologien seines Nachfolgers („Es ist richtig
und wichtig, auf eine umfassende Strategie zu setzen.“) so kritikarm
durchgehen. Selten einmal unternimmt es ein Journalist - und noch seltener ein
Deutschlehrer – über Sinn oder vielmehr Unsinn bestimmter Äußerungen
nachzudenken. Wenn der Kanzler etwa im Bundestag zur Beschwichtigung der
besorgten Bevölkerung nach dem 11. September versichert, er unternehme das
„objektiv Mögliche“, bereitet es durchaus analytischen Genuss festzustellen,
dass das subjektiv Mögliche doch wohl das Unmögliche wäre, insofern es
subjektiv, aber eben nicht objektiv möglich ist!
Zwar sei es –
so hören wir aus hochmögendem, mit Schulentwicklung ministeriell befasstem
Munde – heutigen Schülerinnen und Schülern -- Persönlichkeiten und Individualisten,
die sie sind – nicht mehr zuzumuten, langweiligem Frontalunterricht früherer
Prägung auch nur zeitweise zu folgen, aber was ist eigentlich gewonnen, wenn an
die Stelle präziser altsprachlicher wie muttersprachlicher Lektüre überwiegend
die kreative Schulaufgabe tritt, die wahlweise auf Englisch, Französisch,
Spanisch oder Italienisch anhand von Clip Art zu innovativer Sprachproduktion
auffordert, während gleichzeitig mangels geschärften analytischen
Instrumentariums die durch sprachliche Ahnungslosigkeit bedingte
Ideologieanfälligkeit gesellschaftlich exponentiell ansteigt? Dass die
schulartunabhängige Zunahme körperlicher Gewalt in deutschen Klassenzimmern und
auf deutschen Schulhöfen auch auf die abnehmende Fähigkeit zu verbaler
Konfliktbewältigung zurückzuführen sein könnte, ist gewiss nicht abwegig.
Aufgabe des
Gymnasiums ist – und weitere Beispiele aus anderen Bereichen ließen sich
problemlos anfügen – die oft auch mühevolle Detailarbeit an und mit der
Sprache, selbst wenn es ohne Clip Art und andere Bildstimuli im
Fünf-Minuten-Takt gehen muss! Aphasie als Ergebnis gymnasialen Arbeitens kann
sicher nicht im Sinne des Erfinders sein!
Die Selbstbanalisierung des
Gymnasiums hat wesentlich mit unkritischer Computerbegeisterung und naiver
Methodenhörigkeit zu tun. Der Mensch denkt unbestreitbar in Analogien, um
bisher Unbekanntes in das Bekannte integrieren zu können. Seine
Beurteilungsparameter sind dabei stets die Denkkategorien, über die er bereits
verfügt. Erst die Differenz zum Bekannten kann helfen, neue Schubladen der
Kategorisierung zu öffnen. Wer also die Schülerinnen und Schüler dort abholt,
wo sie stehen, um ebendort stehen zu bleiben, tut ihnen letztlich keinen
Gefallen, sondern untergräbt die Legitimation der Schulpflicht, die ja einen
fundamentalen Eingriff in Elternrechte darstellt.
In diesem Sinne
ist es auch nicht recht einsichtig, was die einer anderen Generation
angehörenden Lehrkräfte den computerbegeisterten unter den heutigen
Schülerinnen und Schülern über Jahre hinweg substanziell Neues beibringen
könnten, das nicht aufgrund des hohen Spezialisierungsgrades bereits in eine
vertiefte Programmiererausbildung hineinreichte. Leiden die heutigen
Abiturientinnen und Abiturienten wirklich in erster Linie an mangelhaften
Computer-Kenntnissen?
Drei
Erfahrungen mussten die Gymnasiallehrer in den letzten Jahren zunehmend machen:
Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer stellten mit (un)schöner Regelmäßigkeit
fest, dass die Kinder und Jugendlichen – auch am Gymnasium! – in immer höherem
Maße nur noch eingeschränkt lesefähig sind. Mathematiklehrerinnen und
Mathematiklehrer stellten fest, dass die Bearbeitung mathematischer
Textaufgaben oft schon am Text(un)verständnis scheiterte. Fast alle
Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer nahmen ohne größere Überraschung die
Ergebnisse des Pisa-Tests zur Kenntnis, der unter anderem, aber durchaus
vorrangig, eklatante Lese- und Rechtschreibschwächen diagnostizierte.
Die
kultusministerielle Reaktion darauf sieht in Bayern beispielsweise ab Schuljahr
2003/2004 die verpflichtende Einführung der neuen Fächer „Informatik“ sowie
„Natur und Technik“ ab Jahrgangsstufe 6 vor. Die gleichzeitige „Stärkung der
Fremdsprachenkompetenz“ soll in Bayern durch Stundenkürzungen in Deutsch und
den Fremdsprachen sowie die Abwahlmöglichkeit einer Fremdsprache mit Ende der
10. Jahrgangsstufe zugunsten einer neuen, spät beginnenden erreicht werden. Die
Stundenkürzung und die geräuschlose Beerdigung des jahrhundertelang bewährten
didaktischen Prinzips „Multum non multa“
sollen zu erlebnisorientierter größerer Vielfalt der Inhalte führen. In
Wirklichkeit aber wird einem postmodernen Häppchenlernen an der Oberfläche
Vorschub geleistet.
Da hilft dann
auch keine „Entschlackung der Lehrpläne“ mehr, über deren Sinn und Unsinn fächerabhängig
höchst kontrovers diskutiert wird. Sollen Sprachlehrbücher etwa künftig auf die
Verwendung des Plusquamperfekts verzichten, weil die Lehrpläne gekürzt wurden?
Sollen entsprechende Stellen in der deutschen Literatur künftig geschwärzt
werden, um eine Phänomenüberlastung der Lernenden zu vermeiden? Soll künftigen
Gymnasiasten die Logik des Gewissens als einer Philosophie des Futurum exactum – „Handle so, dass Du
aus der Rückschau wirst sagen können, richtig gehandelt zu haben!“ - gänzlich
vorenthalten werden, weil das Futur II als nicht mehr lehrbar und im Deutschen
obendrein als obsolet gilt? Oder soll aus Gründen der sozialen Integration in
der Mathematik künftig auf die Division verzichtet werden, weil die
Multiplikation sozialverträglicher erscheint?
Solche
Horrorszenarien lassen einen modernen Bildungsstrategen freilich nicht lange
verzagen, bleibt doch immer noch die Überzeugung an die Wirksamkeit besserer
Unterrichtsmethoden! Waren schon die bildungspolitischen Stürmer und Dränger
der siebziger Jahre sich sicher, dass fast alle zu den Besten werden könnten,
wenn man nur bessere Lehr- und Lernmethoden entwickelte, so heißen die
Zauberformeln des neuen Jahrtausends „interaktive Methoden“ oder – wahlweise –
„Projektunterricht“, „Lernzirkel“, „Schülerzentrierung“ etc. Dass es sinnvoll
ist, die Schülerinnen und Schüler vieles selbst entdecken zu lassen, ist gewiss
ebenso unstrittig, wie die Sachzwänge der Schule eine creatio ex nihilo des Einzelnen unmöglich machen. Nicht jeder kann
schulisch die Welt für sich neu erfinden und in kurzer Zeit authentisch die
Fortschritte mehrerer Jahrtausende experimentell aus eigener Erkenntnis ohne
dirigistische Lehrervorgaben durchlaufen.
Medienzentrierter
Unterricht und vor allem die Integration des Laptops in den Klassenraum führt
zudem aufgrund des deutlich geänderten Lernverhaltens der Schülerinnen und
Schüler zu neuen methodischen Schwierigkeiten. Man meint, die Nachteile eines
computergestützten, individualisierten Unterrichts könnten durch bessere
Lernsoftware in Form von „interaktiven Lernprogrammen“ am Computer selbst
ausgeglichen werden, als böten sich nicht von jeher Mitschüler und Lehrkraft
als „natürliche“ Interaktionspartner von selbst an. Wer freilich nur in engen
Grenzen abstrakt zu denken vermag, wird trotz Laptop und „hipper“ Lernsoftware
und trotz aller „besseren“, „anderen“, „neuen“ Methoden auch weiterhin seine
liebe gymnasiale Not haben, analogen Denkschritten zu folgen, sofern nicht –
wie zu befürchten steht - dem Gymnasium der originär gymnasiale Charakter
ausgetrieben werden soll.
Gefördert wird
diese Tendenz zu technikzentrierter Innovation durch die gebetsmühlenartig
wiederholte Forderung nach Wirtschaftskompatibilität
gymnasialer Lerninhalte. Erst kürzlich hielt der frühere Berater von Altkanzler
Kohl, Horst Teltschik, in Gmund am Tegernsee den Lehrern bei einem Symposion
anlässlich des Ludwig-Erhard-Jahres ihre Wirtschaftsferne und mangelnde
Lebenserfahrung vor. Dass er im gleichen Atemzug die Wirtschaftskompetenz der
Politiker als „zufällig“ bezeichnete, kann gleichwohl nur in Grenzen
versöhnlich stimmen.
Ob am
Lebensumfeld und der vermeintlichen oder realen Wirtschaftsferne der Lehrkräfte
viel geändert werden kann, indem man Lehramtsstudentinnen und -studenten zu
einem Wirtschaftspraktikum verpflichtet, muss dahingestellt bleiben. Viel
gravierender erscheint, dass die Lehrkräfte nach Abschluss des Referendariats
bisweilen ein ganzes Berufsleben tagaus, tagein in ein und dasselbe Gebäude
gehen, um die immer gleichen oder nur leicht modifizierten Inhalte auf dem
wissenschaftlichen Stand der eigenen Studienzeit zu unterrichten. Statt den
Studierenden ein zusätzliches und für den Staat eleganterweise mit keinerlei
Kosten verbundenes Praktikum, sollte der oberste Dienstherr es den Lehrern sinnvoller
ermöglichen, alle fünf Jahre ein halbes Schuljahr auszusetzen, um – je nach
Gusto – sich an der Universität auf den neuesten wissenschaftlichen Stand zu
bringen oder aber in einem Wirtschaftsunternehmen sich den kühlen Wind des in
den Augen vieler „wahren Lebens“, des Wirtschaftslebens, um die Nase wehen zu
lassen. Derzeit aber scheitert selbst die für den Staat kostenneutrale
Möglichkeit eines „Sabbatjahres“ – Arbeite
z.B. vier Jahre bei vollem Stundendeputat für weniger Geld, um das fünfte Jahr
schulisch auszusetzen! – fast durchweg an der ungesicherten
Unterrichtsversorgung in immer mehr Mangelfächern.
Dennoch
übersehen die Wirtschaftsführer in ihrer Außenkritik an den gymnasialen
Inhalten häufig einen wesentlichen Punkt: Der Unterschied zwischen einer GmbH
und einer AG lässt sich „notfalls“ an der Universität oder beim studentischen
Jobben ohne allzu großen Aufwand nachlernen. Für die Beschäftigung mit Homer
oder Horaz, mit Karl dem Fünften oder der Zwölftonmusik bleibt in Studium und
Berufsleben in der Regel keine Zeit mehr. Neben Computer-Spezialisten benötigt
die Wirtschaft jedoch auch reichlich Generalisten als Führungskräfte, die die
Fähigkeit besitzen, sich präzise in jedwedes neue Gebiet einzuarbeiten, sich
rhetorisch wie interkulturell gewandt zu bewegen. Erfahrungsgemäß tun sich
dabei gerade diejenigen besonders leicht, die während ihrer Schulzeit eine
breite Allgemeinbildung erworben haben, deren Wissen also gerade nicht bereits
seit der Grundschulzeit auf konkrete Anwendbarkeit und Wirtschaftskompatibilität
ausgerichtet war!
Warum sonst
sollten Unternehmen Germanisten, Philosophen und Theologen einstellen?
Es mag für die kurzatmigen Quartalszahlen von Vorteil sein, fertig ausgebildete und sofort projektunabhängig einsetzbare Arbeitskräfte einstellen zu können. Für eine nachhaltige Unternehmensentwicklung und eine innovative Produktpalette aber ist mehr vonnöten! So muss man sich doch sehr darüber wundern, dass sich offensichtlich niemand wundert, dass gerade die früheren, vermeintlich unkreativen und altmodischen Absolventen humanistisch-neusprachlicher Gymnasien jahrzehntelang nicht nur sprachlich-denkerisch ihre Frau oder ihren Mann im Berufsleben gestanden, sondern oft genug gerade in den Naturwissenschaften Bedeutendes geleistet haben!